Unfallchirurgie Charité Berlin-Steglitz: Das Bild zeigt eine frisch operierte linke Hand samt Unterarm mit Verband.

Beugesehnenverletzungen der Finger

Die normale Funktion der Beugesehnen ist für die Greiffunktion der Hand entscheidend. Ihre Verletzung kann zu erheblichen Einschränkungen bis hin zum vollständigen Funktionsverlust führen.

Unterschieden wird zwischen

  • frischen Beugesehnenverletzungen der Finger und
  • alten Beugesehnenverletzungen der Finger.

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Frische Beugesehnenverletzungen der Finger

Jeder Finger wird über zwei Beugesehnen bewegt, die in Abhängigkeit von ihrer Lage als oberflächliche oder als tiefe Beugesehnen bezeichnet werden. Sie ermöglichen komplizierte Bewegungsabläufe bei hoher Kraftentfaltung.

Die oberflächliche Beugesehne setzt an der Basis des Mittelgliedes an und beugt das Mittelgelenk.

Die tiefe Beugesehne läuft in Höhe des Grundgliedes durch die oberflächliche Beugesehne hindurch und setzt an der Basis des Endgliedes an. Sie beugt vor allem im Endgelenk, aber auch im Mittel- und Grundgelenk. Ausnahme ist der Daumen, der nur über eine lange Beugesehne verfügt, die an der Endgliedbasis ansetzt.

Von den Fingergrundgelenken bis knapp über die Endgelenke hinaus verlaufen die Beugesehnen jedes Fingers in einer derben Hülle, der Sehnenscheide, die abschnittsweise durch sogenannte Ringbänder und Kreuzbänder verstärkt wird. Die Sehnenscheiden führen die Sehnen dicht an Knochen und Gelenken entlang. Sie verhindern ein bogensehnenartiges Vorspringen der Sehnen bei Anspannung und erleichtern das Gleiten durch eine schleimhautartige Auskleidung. Hier ist die Sehnenheilung besonders kritisch: Einerseits neigen die Sehnen zu Verwachsungen mit den oben geschilderten Sehnenscheiden, zum anderen sind die Sehnen hier nur wenig durchblutet und heilen daher langsam.

Ursachen und Operation frischer Beugesehnenverletzungen

Jede Fingerverletzung auf der Beugeseite mit und ohne Durchtrennung der Haut kann mit einer Beugesehnenverletzung einhergehen:

  • Häufige Ursache sind einfache Schnitt- oder Stichverletzungen, zum Beispiel durch Messer, Glasscherbe oder Konservendose.
  • Seltener sind stumpfe Gewalteinwirkung und schwere Quetschverletzungen.
  • Maschinen wie Kreissäge und Trennschleifer verursachen komplexe Verletzungen, bei denen ebenfalls häufig die Beugesehnen mitbetroffen sind.

Der unverletzte Finger zeigt bei entspannter Hand eine leichte Beugestellung im Grund-, Mittel- und Endgelenk. Bei Durchtrennung beider Beugesehnen stellt sich eine unnatürliche Streckstellung ein. Die aktive Beugung im Endgelenk bei Durchtrennung der tiefen Beugesehne oder Mittelgelenk bei Durchtrennung der oberflächlichen und tiefen Beugesehne ist nicht möglich beziehungsweise stark abgeschwächt.

Eine Prüfung der Beugesehnenfunktion sollte bei jeder Verletzung im Fingerbereich durchgeführt werden. Hinzu kommt eine Kontrolle der Durchblutung (Gefäßverletzung?) und des Gefühls (Nervenverletzung?). Ein Röntgenbild kann bei komplexen Verletzungen erforderlich sein (Knochenverletzung? Verborgene Fremdkörper?).

Bei frischen Verletzungen werden die Sehnenenden frühestmöglich durch eine Naht vereinigt. Sofern dies nicht möglich ist, sollte der Eingriff nicht später als 48 Stunden nach der Durchtrennung erfolgen. Da Sehnenstümpfe durch den Muskelzug bis in den Unterarmbereich zurückgleiten können, sind sie gelegentlich nur durch ausgedehnte Schnitte in Hohlhand- und Handgelenksbereich auffindbar. Bei der Verletzung beider Beugesehnen werden in der Regel beide genäht.

Verletzte Beugesehnen neigen dazu, im Rahmen der Heilung mit dem umgebenden Gewebe zu verwachsen, was zu Bewegungseinschränkungen führt. Das kann durch eine frühzeitig einsetzende Bewegungstherapie verhindert beziehungsweise verringert werden. Andererseits muss die Sehnennaht vor einer zu starken Belastung geschützt werden, damit sie nicht reißt. Das erfordert eine sorgfältige krankengymnastische Anleitung und von Patientenseite eine disziplinierte Mitarbeit.

Alte Beugesehnenverletzungen der Finger

Bei alten Verletzungen mit intakter oberflächlicher Beugesehne wird meist auf eine Wiederherstellung der tiefen Beugesehne verzichtet.

Ein Sehnendefekt kann durch Einsetzen eines Sehnenstückes (Sehnentransplantation) überbrückt werden, das am Unterarm (Sehne des Musculus palmaris longus) oder am Unterschenkel (Sehne des Musculus plantaris) entnommen wird. Voraussetzung dafür ist der seltene Fall einer reizlosen Wundsituation mit intaktem Sehnengleitkanal.

Operation und Heilung alter Beugesehnenverletzungen

Bei unmittelbarer Zerstörung der Sehnenscheiden und ausgedehnten Gewebeverlusten ist die Wiederherstellung nur über einen zweizeitigen Sehnenersatz möglich. Dazu wird in einer ersten Operation im Verlauf der zerstörten Sehne ein Silikonstab eingelegt. Um diesen Stab bildet sich im Verlauf von etwa 8 Wochen ein Gleitkanal, der in seiner Feinstruktur sehr der ursprünglichen Sehnenscheide ähnelt. In einer zweiten Operation wird der Silikonstab entfernt und ein Stück Sehne, das an anderer Stelle entnommen wird, als neue Beugesehne eingesetzt. Ersetzt wird dabei – im Gegensatz zur frischen Verletzung – nur die tiefe Beugesehne.

Verletzte Beugesehnen tendieren dazu während der Heilung dazu, mit dem umgebenden Gewebe zu verwachsen, was zu Bewegungseinschränkungen führt. Dies kann durch eine frühzeitig einsetzende Bewegungstherapie verhindert beziehungsweise verringert werden. Damit die Sehnennacht nicht reißt, muss sie zugleich vor einer zu starken Belastung geschützt werden. Wie? Durch die gründliche krankengymnastische Anleitung und die disziplinierte Mitarbeit des Patienten: Ohne Motivation und selbständiges Üben sind kaum gute Ergebnisse zu erzielen.

Je nach Gegebenheiten werden in der Regel zwei Konzepte angewendet:

1. Konzept der passiven Beugung und aktiven Streckung

Bei diesem Verfahren wird eine Bewegung der Sehnen dadurch erreicht, dass der Patient die Finger selbst aktiv streckt. Entspannt der Patient die Finger, werden diese durch Gummizügel oder Federn gebeugt, die an den Fingernägeln befestigt sind. Dadurch entsteht an den Beugesehnen kein Zug.

Der Patient wird dazu mit einer speziellen Schiene, der sogenannten Kleinertschiene, versorgt: Sie hält das Handgelenk und die Fingergrundgelenke in Beugestellung. An ihr sind die Gummizügel und ihre Führung befestigt.

2. Konzept der aktiven Beugung und Streckung

Bei manchen Beugesehnendurchtrennungen kann durch spezielle Nahttechniken eine so kräftige Zugfestigkeit der Sehnennaht erreicht werden, dass ein frühzeitiges aktives Strecken und Beugen des betroffenen Fingers möglich ist, ohne erhöhte Gefahr einer erneuten Ruptur der Sehne.

Auch hierbei wird der Patient zur Entlastung der Sehne mit einer Schiene versorgt. In dieser Schiene sind Beugung und Streckung durch den Patienten ausschließlich ohne Widerstand erlaubt.