Das Bild zeigt eine Ärztin am Schreibtisch, die einem Patienten ein Röntgenbild erklärt.

AG Polytrauma

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Das Polytrauma - die häufigste Todesursache des jungen Menschen

Wird ein Mensch durch Unfälle im Verkehr, bei der Arbeit, im häuslichen Bereich oder in der Freizeit schwer verletzt, spricht man im von einem Trauma, bei Vorliegen mehrerer Verletzungen, die das Leben des Patienten bedrohen, wird dies als Polytrauma bezeichnet.

Im Großraum Berlin verunglücken jährlich ca. 50.000 Menschen schwer, bundesweit sind es ca. 4 Millionen Menschen. Die daraus entstehenden gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Probleme stellen für den betroffenen Patienten und seine Familie eine besondere Härte dar, die Folgen sind aber auch für die Gesellschaft erheblich. Von allen Schwer- und Schwerstverletzten liefert die Altersgruppe zwischen 20 und 45 Jahren, also Menschen, die am Anfang oder in der Mitte ihres Berufslebens stehen, den größten Anteil.

In dieser Altersgruppe stellt in industrialisierten Ländern der Unfalltod die häufigste Todesursache dar, trotz erheblicher Fortschritte in der intensivmedizinischen Behandlung.

Bei den Überlebenden wirken sich verbleibende dauerhafte Schäden und Beeinträchtigungen einschneidend auf die weitere Lebensqualität und Lebensgestaltung aus. Häufig verbleibende Folgen sind neben Schädigungen des Gehirns und des ZNS v.a. dauerhafte Schmerzen sowie Bewegungs- und Funktionseinschränkungen. Insbesondere Verletzungen am Becken und an den Beinen stehen hier im Vordergrund. Neben den sichtbaren Verletzungsfolgen haben jedoch auch die - häufig vernachlässigten - psychischen Störungen mit Angstzuständen, Depression oder Schuldgefühlen ganz erhebliche Bedeutung, die unter dem Begriff der posttraumatischen Stressstörungen zusammengefasst werden. Sie können zu einer bedeutsamen Einschränkung der Lebensqualität führen.

Wirtschaftliche und sozialökonomische Aspekte: Verletzungen teurer als Krebs- und Herz-Kreislauferkrankungen

Die direkten Behandlungskosten in Folge von Verletzungen, also die Kosten für die Notarztbehandlung, die intensivmedizinische Therapie, die Operationen und die gesamte Krankenhausbehandlung, betragen jährlich über 13,5 Milliarden Euro. Zur Beurteilung der volkswirtschaftlichen Bedeutung verschiedener Erkrankungen werden vom statistischen Bundesamt der Bundesrepublik Deutschland neben den direkten Behandlungskosten jeweils die durch Tod und Invalidität bedingten verlorenen Erwerbstätigkeitsjahre ermittelt.

Die Verletzungsfolgen bewirken dabei mehr verlorene Erwerbstätigkeitsjahre (1,45 Mio. Jahre) als die beiden häufigsten Erkrankungen - Tumorerkrankungen (0,62 Mio. Jahre) und Herz-Kreislauferkrankungen (0,71 Mio. Jahre) - zusammen. Mit dieser Berechnung führen Verletzungen zu den höchsten indirekten Gesamtkosten, die in Deutschland 1994 über 82 Milliarden Mark betrugen. Ein Viertel dieser Summe ist jeweils auf Tod und Arbeitsunfähigkeit, die andere Hälfte auf Invalidität zurückzuführen. Somit stellen Unfälle und deren Folgen einen der wichtigsten sozio-ökonomischen Faktoren nicht nur in der Notfallmedizin sondern im Bereich des gesamten Gesundheitssystems dar.

Berücksichtigung neuester Forschungsergebnisse

Bis heute ist der Verlauf nach schwerem Trauma zum einen durch das "frühe Versterben" infolge einer Massenblutung oder durch schwerste Schädel-Hirn-Verletzungen, zum anderen aber auch durch einen langen komplizierten Krankheitsverlauf mit hoher Sterblichkeit bestimmt. Die Erforschung des Traumageschehens, einschliesslich eigener Forschungsarbeiten hat aufgezeigt, dass die Prognose der Verletzten maßgeblich durch die Therapiemaßnahmen der ersten Stunden bestimmt wird. Dabei gilt es schnellstmöglich alle lebensbedrohlichen Verletzungen zu erkennen und sofort zu behandeln.

Darüber hinaus sollten breits im Schockraum alle weiteren Verletzungen erkannt und der entsprechenden Therapie zugeführt werden. In Kenntnis der Tatsache, dass jeder operative Eingriff ein zusätzliches Trauma und damit eine zusätzliche Gefährdung des Patienten darstellt, gilt es, in dieser Phase genau abzuwägen, welche Verletzungen unabdingbar sofort versorgt werden müssen und welche zu einem späteren Zeitpunkt operiert werden können. Basierend auf eigenen Forschungsergebnissen wurden in enger Kooperation mit führenden amerikanischen Instituten Methoden entwickelt, die in der Akutphase helfen sollen, die oft klinisch unterschätzte Schwere eines Traumas richtig zu bewerten.

Diesen Erkenntnissen tragen moderne Operationsstrategien Rechnung, die differenziert eine frühe Stabilisierung von Knochenbrüchen erlauben und gloeichzeitig das Operationstraumauma bei den besonders schwer verletzten Patienten möglichst gering halten. In dieser Patientengruppe werden die Frakturen zunächst mit einem sogenannten "Fixateur externe" versorgt. Der Fixateur externe ist eine Konstruktion, die den Bruch mit einem, von außen im Knochen verankerten, Metall- Karbongestänge vorübergehend stabilisiert. Für die Montage ist nur eine relativ kurze Operation notwendig ist. So kann vermieden werden, dass der Patient durch einen großen Eingriff einen großen Zusatzschaden erleidet.

Nach Erholung des Patienten von den unmittelbaren Unfallfolgen kann dann in einem zweiten Eingriff die endgültige operative Versorgung erfolgen. Für ein Traumazentrum ist es eine Grundvoraussetzung, dass alle Notfallperationen rund um die Uhr durchgeführt werden können. Für die weitere Stabilisierung des Schwerverletzten ist eine hochleistungsfähige Intensivmedizin eine unverzichtbare Voraussetzung. Das Universitätsklinikum Benjamin Franklin verfügt über eine hochqualifizierte Anästhesie mit einer Intensivstation in direktem räumlichen Kontakt zum zentralen Operationsbereich, so dass eine durchgehende Betreuung der Notfallpatienten gewährleistet ist.

Notarzt und Rettungshubschrauber

Eine optimale Schwerverletztenversorgung beginnt bereits am Unfallort durch den Notarzt. Der am Universitätsklinikum stationierte Notarztwagen wird von engagierten Ärztinnen und Ärzten besetzt, die alle über die Zusatzqualifikation "Rettungsmedizin" verfügen.

Das Universitätsklinikum Benjamin Franklin ist darüber hinaus Standort des einzigen Rettungshubschraubers (Christoph 31) des Landes Berlin. Zusätzlich erfolgt die Zuverlegung von schwerverletzten Patienten aus der Umgebung Brandenburg mittels des dortigen bodengebundenen Notarztsystems und des Rettungshubschraubers (Christoph 35).

Notaufnahme und Schockraum

Nach der Erstversorgung durch die Rettungsdienste gelangen Schwerverletzte in die Notaufnahme des UKBF. Hier werden im Jahr ungefähr 10.000 verunfallte Patienten behandelt, davon 8000 ambulant und 2000 stationär. Von diesen Notfällen werden pro Jahr ca. 200 Patienten über den Schockraum aufgenommen, davon erweisen sich über die Hälfte tatsächlich als schwerverletzt.

ATLS

Grundlage des Schockraum-Managements ist die gut abgestimmte Kooperation aller beteiligten Fachgebiete unter Einbeziehung sowohl des ärztlichen, pflegerischen und medizinisch-technischen Personals. Basis der medizinischen Behandlung stellen die Behandlungsleitlinien nach dem Advanced Trauma Life Support (ATLS) dar.

Schwerpunkt Trauma-Forschung

Das Traumazentrum Berlin-Brandenburg leistet kontinuierliche Grundlagenforschung zu wichtigen wissenschaftlichen Fragestellungen in der Traumatologie auf hohem internationalen Niveau. In enger wissenschaftlicher Kooperation mit renommierten Forschungseinrichtungen im europäischen Ausland und den USA (University of Florida (UFL), Gainesville, University of Alabama, Birmingham (UAB) werden Untersuchungen zur Pathophysiologie des schweren Trauma und Neurotrauma, von Sepsis und Multiorganversagen an verschiedenen Modellen untersucht.

Prof. Ertel ist Mitglied des renommierten American College of Surgeons (ACS) und Vorsitzender bedeutender wissenschaftlicher Magazine.

Die hervorragenden wissenschaftlichen Leistungen der Klinik und Poliklinik für Unfallchirurgie finden in der großen Zahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen national und international große Anerkennung.

Das Traumanetzwerk der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie

Die Schwerverletztenversorgung ist in Deutschland seit Jahrzehnten von hoher Qualität. Zur weiteren Verbesserung hat sich die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) die Schaffung eines bundesweiten Netzwerkes zum Ziel gesetzt, welches die Versorgungsqualitäten der einzelnen Kliniken erfasst und eine optimale Nutzung der Ressourcen ermöglichen soll. Etwaige regionale Defizite in der Versorgungsqualität sollen erkannt und behoben werden, so dass jedem Patienten unabhängig von Unfallort und -zeit die bestmögliche Therapie zuteil wird.

Das Traumanetzwerk der DGU setzt sich aus zahlreichen regionalen Netzwerken zusammen. In unserem Einzugsgebiet, zu welchem sowohl der städtische Ballungsraum als auch dünn besiedelte ländliche Regionen gehören, kommt dem Netzwerkgedanken große Bedeutung zu. Gemeinsam mit unseren Partnerkliniken arbeiten wir derzeit intensiv an der Entstehung des Traumanetzwerkes Berlin-Brandenburg.

Entscheidend für die stetige Verbesserung der Versorgungsqualität ist auch die Qualitätssicherung im Rahmen des Traumaregisters der DGU, an welcher unsere Klinik seit Jahren teilnimmt. Die Datenbank, welche seit 1993 besteht, umfasste Ende 2007 über 35.000 Patienten aus 145 Kliniken aus Deutschland und dem europäischen Ausland (Quelle: Jahresbericht 2008). Zusätzlich führt unsere Klinik  eigene experimentelle und klinische Studien zur Schwerverletztenversorgung durch, deren Ergebnisse für die alltägliche Arbeit genutzt werden.

Forschungsdatenbank

Für mehr Details nutzen Sie bitte auch die Forschungsdatenbank der Charité.